Plastische Wesseling

Mit neun Jahren Laufen lernen

Fast ein Jahr ist es nun her, dass die kleine Yetunde Grace mit Hilfe einer Hilfsorganisation nach Wesseling gebracht wurde, um in einem führenden Zentrum für plastische und rekonstruktive Chirurgie in Deutschland versorgt zu werden.

Die neunjährige Grace stammt aus Nigeria, wo sie im Alter von drei Monaten neben einer Feuerstelle zu Bett gelegt wurde und durch eine unvorhergesehen auftretende Stichflamme an Beinen, Becken und am Gesäß  großflächig verbrannt wurde. Aufgrund von mangelnder Möglichkeit von medizinischer und hygienischer Versorgung kam es zu einer Verwachsung des linken Unter- mit Oberschenkels sowie vom rechten Fußrücken mit dem Schienbein, sodass eine permanente Verklebung des Fußes mit dem Unterschenkel und der Oberschenkelrückseite mit dem Gesäß mit daraus folgender fixierter Beugung des Knies links und Sprunggelenks rechts folgte. Ein sorgloses und uneingeschränktes Aufwachsen war für die kleine Grace somit nicht möglich. Sie konnte weder mit anderen Kindern toben, noch eine Hose tragen; selbst zur Toilette zu gehen, fügte ihr Schmerzen und Schwierigkeiten zu. Sie hatte nur das rechte Bein zur Fortbewegung zur Verfügung, welches jedoch auch einem Klumpfuß durch die Verbrennungen glich. Sie hatte ständig Schmerzen, da sich die Knochen im Rahmen des Wachstums ständig veränderten und keine Möglichkeit hatten, sich frei zu entwickeln. So konnte sie nur krabbeln und sich auf allen Vieren fortbewegen.

Da auch die Genitalregion verbrannt war, kam es auch hier zu erheblichen hygienischen Problemen insbesondere beim Wasserlassen und Stuhlgang.

In Nigeria missionierende Ordensschwestern der Armen Dienstmägde Jesu Christi,  dem Träger des Dreifaltigkeits-Krankenhauses Wesseling, griffen, das kleine Mädchen auf, sammelten Geld für ein Flugticket nach Wesseling und begleiteten die kleine Grace, damit keine allzu große Sprachbarriere in der völlig fremden Welt entstünde.

Geschäftsführer Professor Johannes Güsgen entschied sofort: Wir helfen ohne Kosten und bat den Chefarzt der Klinik für Plastische Chirurgie, Dr. Richter um fachliche Betreuung des schweren Falles.

Nach einem vorübergehenden mit den begleitenden Ordensschwestern isolierten Aufenthalt, weil zeitgleich die Ebola-Epidemie noch brisant war, konnten wir Grace dann in unserer Abteilung für plastische und rekonstruktive Chirurgie begrüßen.

Die kleine Yetunde Grace teilte das Krankenzimmer mit der ihr Tag und Nacht zur Seite stehenden Ordensschwester aus Nigeria, die ihr als Mutterersatz auch in Stunden, die von Heimweh geprägt waren, zur Seite stand. Von dem anfangs schüchternen und nachdenklichen Mädchen entwickelte Grace sich jedoch in raschem Tempo zum Sonnenschein der Abteilung. Sie wurde vom Pflegepersonal aber auch von Mitpatienten bespielt, lernte Stricken, Armbänder knüpfen und hatte eine große Freude daran, die sie betreuenden Vertrauten mit ihren bunten selbstgemachten Armbändern zu beschenken und erfreuen. Sie lernte fleißig Englisch und rechnen und hatte Freude daran, sogar zu beginnen, lesen zu lernen. Eine ganz besonders intensive Verbindung entwickelte sich in dieser Zeit zu Oberärztin Dr. Nina Schwaiger, welche die wiederherstellenden Operationen nicht nur immer mit durchführte, sondern der kleinen Patientin auch hiervon abgesehen überdurchschnittlich viel Zeit und Zuwendung widmete. So wuchs „Dr. Nina“, wie Grace sie liebevoll nannte der Kleinen an ihr Herz.

Während ihres Aufenthaltes von insgesamt mehr als einem dreiviertel Jahr mit mehr als 15 Operationen schaffte es das Team unter der Leitung von Chefarzt Dr. Richter, die durch den Unfall in extremer Fehlstellung verwachsenen Extremitäten zu lösen und so gut wieder her zu stellen, dass Grace zunächst an Unterarmgehstützen und mit Hilfe, dann später nach intensiver krankengymnastischer Übung sogar frei laufend ohne Hilfsmittel zu ihren Eltern zurückkehren konnte.

Ganz besonderen Einsatz zeigten hierbei die Oberschwester Clementine sowie die gesamten Ordensschwestern, das Team der Physiotherapie unter der Leitung von Marc Paffendorf sowie das gesamte Pflegepersonal und Ärzteteam der plastischen Chirurgie.

Der Hauptverdienst und Dank gilt jedoch unserer Oberärztin Dr. Nina Schwaiger, die an der medizinischen Betreuung maßgeblich beteiligt war und sich weit hierüber hinaus für Grace engagierte. Der Abschied fiel sowohl ihr als auch Grace ganz besonders schwer; so kam die kleine Grace in der Woche des Abschieds fast jeden Tag noch einmal in die Praxis, um dem Ärzteteam zu zeigen, wie toll sie schon ohne die Krücken laufen könne.

Grace verließ uns mit den Worten: „I will miss you Dr. Nina, I will miss all of you and hope to see you again, someday!“

Der Kontakt nach Nigeria mit Graces Familie kann glücklicherweise gepflegt werden, sie lebt abseits jeglicher Krisengebiete vor Ort. Dank großzügiger Spenden, welche durch Organisation der Ordensschwestern der Armen Dienstmägde Jesu Christi gewonnen werden konnten, ist es inzwischen sogar möglich, dass Grace in Nigeria die Grundschule besuchen und ihr die Möglichkeit geschenkt werden kann, eines Tages ein selbstbestimmtes Leben zu führen.

Nach nun fast einem Jahr denken wir noch einmal an die schöne Zeit, in der aus einem schüchternen 9 jährigen Mädchen eine strahlende, tanzende junge Lady wurde, die unserem gesamten Team ans Herz gewachsen ist. Bei dem letzten Telefonat mit der Schwester Oberin konnte Grace leider nicht an den Telefonapparat geholt werden, da sie gerade ausgebüchst war. Eine Neuigkeit, die in diesem besonderen Falle kein Ärgernis bei den Eltern sondern Freudentränen hervorruft.

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