Plastische Wesseling

Ein Pionier und Vorbild ist verstorben – Nachruf Professor Neven Olivari

Liebe Patienten und Freunde,

In großer Trauer und Betroffenheit muss ich Ihnen mitteilen, dass der Gründer unserer Abteilung, unser geliebter Kollege und Freund Professor Neven Olivari in der Nacht vom 25.11.2018 an den Folgen eines schweren Schlaganfalls verstorben ist. Er ist friedlich in seinem Zuhause im Beisein seiner Ehefrau Anna Maria eingeschlafen.

Sein Tod trifft die ganze plastisch-chirurgische Welt, in der er viele Freunde fand und die er maßgeblich schon in jungen Jahren prägte. Mich trifft sein Tod ganz besonders, weil er für mich ein geduldiger Chef, ein großer Wegbereiter, treuer Wegbegleiter und später ein enger Freund wurde.

Neven Olivari wurde am 28. Oktober 1932 in einem kleinen Fischerort in Kroatien geboren. Er half seiner Familie durch Fischfang die Nöte nach dem Zweiten Weltkrieges zu mildern und beschloss nach seinem Medizinstudium in Zagreb und in Rijeka, seine Ausbildung im damals jungen Fachgebiet der plastischen Chirurgie zu beginnen.

Sein fester Wille hat ihn 1964, im Anschluss an eine allgemeinchirurgische Ausbildung in Lippstadt/Westfalen, nach Köln an die erste Universitätsklinik für plastische Chirurgie in Deutschland zu Herrn Professor Schrudde gebracht, wo er im Mai seine Assistenzzeit begann.

Schnell waren sein großes Geschick, sein innovatives, wissenschaftliches Denken und seine menschlichen Führungsqualitäten erkannt und er wurde leitender Oberarzt der Klinik.

Er entdeckte für sich den Latissimus-Dorsi-Muskel und dessen ungeahntes Potenzial für die schlimmen Strahlenschäden der damaligen Zeit und hielt 1972 bereits Vorträge hierüber. Später musste Neven Olivari erfahren, dass der italienische Anatom Tansini diesen Muskel bereits 1906 beschrieben hatte. Dennoch wird es immer der „Olivari-Muskel“ bleiben, der mittlerweile weltweit viele Leben gerettet und die Lebensqualität abertausender Patienten verbessert hat.

1977 erfolgte dann die Habilitation über die chirurgische Frühbehandlung von Verbrennungen. Es sollten mehr als 200 hochkarätige wissenschaftliche Publikationen folgen sowie mehrere Bücher und Buchartikel.

Schon bald nach der Habilitation wurde er zum außerplanmäßigen Professor an der Universität zu Köln ernannt.

1982 brachte ihn der Zufall und – wie Neven Olivari selbst feststellte – das Glück an das Dreifaltigkeits-Krankenhaus in Wesseling, an dem er vom 1.9.1982 bis zum 31.12.1997 als Chefarzt der neu gegründeten Abteilung für plastische Chirurgie die Geschicke des Krankenhauses lenkte.

Die damals kleine Einrichtung – bestehend aus drei Zimmern im Kellergewölbe des Schwesternheimes – entwickelte sich schnell zu einer eigenständigen Abteilung, die 1990 als fester Bestandteil in den Bettenplan Nordrhein-Westfalen aufgenommen wurde und auf 38 Betten anwuchs.

1984 entwickelte er wiederum durch einen Zufall und sein unkonventionelles Denken eine bahnbrechende Operationsmethode, die viele tausend Menschen von den Stigmata und Beschwerden der „Glubschaugen“ beim Morbus Basedow zu befreien half: die transpalpebrale Orbitadekompression durch Fettentfernung.1993 wurde ihm dafür von der amerikanischen Gesellschaft für plastische Chirurgie (ASPS) der Wissenschaftspreis für die beste wissenschaftliche Veröffentlichung in Washington verliehen.

Die Abteilung wurde unter seiner Leitung zu einem Mekka der plastischen Chirurgie. Viele Kollegen aus der ganzen Welt reisten an, um die zahlreichen kleinen Tricks von Professor Olivari zu erlernen. Er hat sein Wissen immer ungefiltert weitergegeben und selbstbewust und ehrlich über Komplikationen bei seinen eigenen OPs berichtet. Wer bei ihm arbeiten wollte, musste viel publizieren und forschen und kam dafür in den Genuss einer hochwertigen breiten Ausbildung. So betreute er etliche Doktorarbeiten und bildete über 30 Fachärzte und Chefärzte aus, die sein Erbe weiterverbreiten.

Mit der wissenschaftlichen Entwicklung des Fachgebietes waren er und andere Oberärzte in Deutschland unzufrieden und so gründeten sie schon 1968 die Vereinigung der Deutschen plastischen Chirurgen, VDPC, die im September dieses Jahrs ihren 50. Gründungstag in Bochum feierte.

1977 wurde er in den Vorstand der Vereinigung der Deutschen plastischen Chirurgen berufen und konnte 1986 als Kongresspräsident die Jahrestagung in Bonn ausrichten.

Der Vereinigung selbst stand er von 1991 bis1993 als Präsident vor. 2001 wurde er mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet.

Später folgten die Dieffenbach Medaille sowie die Höhler Nadel, beides die höchsten Auszeichnungen unser beiden Fachgesellschafften DGPRÄC und VDÄPC.

Seine wissenschaftlichen Arbeiten, aber auch sein hohes Engagement im Ehrenamt wurden weltweit beobachtet und so zeichnete ihn der damalige Bundespräsidenten Roman Herzog 1999 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse aus.

Im Alter von 65 Jahren zog er sich auf dem Höhepunkt seiner chirurgischen Karriere zurück und berührte trotz seiner ruhigen Hand nie wieder ein Skalpell. „Meine Kollegen sollten mich in guter Erinnerung behalten und nicht als zitternden alten Mann, der nicht aufhören kann.“ Ein Vorbild für uns alle!

Von da an schrieb er mehrere Lehrbücher mit eigenen Illustrationen, widmete sich der Kunst und Musik und genoss seinen großen Freundeskreis. Den Sommer verbrachte er in seiner Heimatstadt an der kroatischen Küste, den Winter in seiner Wahlheimat bei Köln.

Professor Olivari war ein großes Vorbild und mit dem Virus der plastischen Chirurgie infiziert. Er verbreitete dieses Virus schnell auf alle, die seine Aura erleben durften. Die Leidenschaft für die plastische Chirurgie mit ihrer faszinierenden Vielfalt verbreitete unter seinem Einfluss sehr rasch und über Grenzen hinweg. Neven Olivari war definitiv ein großer Macher für unser Fach!

Für viele von uns war er ein Mentor und treuer Freund. Sein Humor und seine Lebensfreude waren unbeschreiblich und unvergleichlich.

Als Vater von zwei Söhnen nannte er mich einmal seinen dritten Sohn und sich selbst meinen zweiten Vater. Sein ganz persönliches Erbe übergab er mir bereits zu Lebzeiten, als er mich 2001 mit seiner Nachfolge als Chef der Abteilung betraute.  Er hat mein Leben wie kein anderer geformt. Bodenständigkeit und Demut waren ihm ebenso wichtig wie das Genießen des Lebens in seinen vollen Farben.

Die plastische Chirurgie hat einen großen Pionier verloren. Das Krankenhaus einen Mentor. Ich meinen zweiten Vater.

In großer Trauer

 

Dr. Dirk Richter

Chefarzt der Abteilung für Plastische Chirurgie

 

 

 

 

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